Wer in Campos lebt, hat Anfang September 2026 eine unangenehme Überraschung erlebt: Das Wasser aus der öffentlichen Leitung soll derzeit nicht zum Trinken und auch nicht zum Kochen verwendet werden. Duschen, Waschen und Putzen sind weiterhin möglich. Der Grund ist kein Rohrbruch und nach bisherigem Stand auch kein Abwasser, das nach einem Unwetter ins Trinkwasser gelangt ist. Das eigentliche Problem liegt viel tiefer, nämlich unter unseren Füßen.
Das Grundwasser rund um Campos wird seit vielen Jahren stark genutzt. Gleichzeitig fällt in den heißen Sommermonaten wenig Regen, während der Verbrauch besonders hoch ist. Landwirtschaft, Privathaushalte, Ferienhäuser, Hotels, Pools und die wachsende Bevölkerung in der Hauptsaison benötigen große Mengen Wasser. Wird mehr Wasser aus dem Boden gepumpt, als durch Regen wieder nachkommt, sinkt der Grundwasserspiegel. Genau dann beginnt ein Prozess, der in Küstenregionen weltweit bekannt ist: Meerwasser dringt langsam in den unterirdischen Süßwasserspeicher ein.
Aber wie kommt Meerwasser überhaupt unter Campos?
Viele stellen sich Grundwasser wie einen riesigen unterirdischen See vor. Tatsächlich funktioniert es anders. Regenwasser sickert durch den Boden und sammelt sich in porösen Gesteinsschichten und Hohlräumen. Diese wasserführenden Gesteinsschichten nennt man Aquifere. Auch unter Campos befindet sich ein großer solcher Grundwasserkörper.
Da Mallorca eine Insel ist, steht dieses Grundwassersystem am Rand natürlich in Verbindung mit dem Meer. Normalerweise hält das Süßwasser das schwerere Salzwasser weitgehend zurück. Man kann sich das vereinfacht wie zwei Flüssigkeiten vorstellen, die gegeneinander drücken. Solange genügend Süßwasser vorhanden ist, bleibt die Grenze zwischen Süß- und Salzwasser weit genug Richtung Küste.
Wird jedoch über viele Jahre sehr viel Grundwasser abgepumpt, sinkt der Druck des Süßwassers. Das Meerwasser kann dann immer weiter ins Landesinnere eindringen. Fachleute sprechen von einer Meerwasserintrusion oder auf Spanisch von „intrusión marina".
Das bedeutet also nicht, dass irgendwo jemand Meerwasser aus dem Mittelmeer abpumpt und versehentlich in unsere Leitungen schickt. Vielmehr pumpen die Brunnen weiterhin Grundwasser hoch. Dieses Grundwasser enthält inzwischen aber zunehmend Salz, weil sich im Untergrund Meerwasser mit dem vorhandenen Süßwasser vermischt hat. Und genau deshalb kann dieses Problem sogar kilometerweit von der Küste entfernt auftreten.
Warum passiert das gerade jetzt?
Das Problem ist nicht neu. Neu ist lediglich, dass die Belastung aktuell so hoch ist, dass die Behörden reagieren mussten.
Der Sommer 2026 war trocken und der Wasserverbrauch auf Mallorca gleichzeitig enorm. Nach Angaben der Balearenregierung lagen die Wasserreserven der Inseln im August nur noch bei rund 38 Prozent. Besonders in einer Region wie Campos verschärft sich die Situation im Sommer erheblich. Die Einwohnerzahl steigt saisonal, Ferienhäuser werden genutzt, Hotels und Gastronomie laufen auf Hochtouren und gleichzeitig benötigt auch die Landwirtschaft Wasser.
Je mehr Brunnenwasser entnommen wird, desto weiter sinkt der Grundwasserspiegel. Damit verschlechtert sich das Gleichgewicht zwischen Süßwasser und Meerwasser erneut.
Der Grundwasserkörper „Pla de Campos" gilt schon länger als problematisch. Offizielle Wasserwirtschaftsdokumente nennen unter anderem Chloride, Nitrate und eine zu hohe Wasserentnahme als Belastungsfaktoren. Der sogenannte Ausbeutungsgrad liegt bei über 100 Prozent. Vereinfacht übersetzt bedeutet das: Es wird mehr Wasser herausgeholt, als nachhaltig nachgebildet wird. Das funktioniert eine Zeit lang. Auf Dauer funktioniert es nicht.
Ist das Wasser deshalb voller Abwasser?
Hier muss man zwei unterschiedliche Probleme auseinanderhalten.
Nach starken Unwettern kann es tatsächlich vorkommen, dass Kanalisationen überlastet werden und Abwasser oder verschmutztes Oberflächenwasser in die Umwelt gelangen. Auch Kläranlagen auf Mallorca kommen während der Hochsaison teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen. Das ist jedoch nach den derzeit veröffentlichten Informationen nicht der Grund dafür, dass das Leitungswasser in Campos momentan nicht zum Trinken empfohlen wird. Die aktuelle Warnung hängt vor allem mit einem erhöhten Salz- beziehungsweise Natriumgehalt zusammen.
Trotzdem ist das Grundwassersystem komplex. Der Aquifer Pla de Campos weist auch erhöhte Nitratwerte auf, die beispielsweise durch Landwirtschaft und andere Einträge entstehen können. Außerdem wird gereinigtes Wasser aus Kläranlagen teilweise wieder in den Wasserkreislauf eingebracht. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Abwasser aus dem Kanal direkt im Trinkwasser landet. Für die aktuelle Situation gibt es dafür jedenfalls keinen veröffentlichten Hinweis.
Warum kann man das Wasser dann noch zum Duschen benutzen?
Weil Salz im Wasser zunächst ein anderes gesundheitliches Problem darstellt als beispielsweise Bakterien oder Fäkalkeime. Bei erhöhtem Natriumgehalt ist vor allem die regelmäßige Aufnahme über Getränke und Lebensmittel problematisch. Besonders Menschen mit bestimmten Herz-, Nieren- oder Blutdruckproblemen sollten größere Mengen Natrium vermeiden.
Deshalb lautet die Empfehlung: nicht trinken und nicht zum Kochen verwenden. Für Duschen, Händewaschen, Wäschewaschen oder Putzen kann das Wasser weiterhin verwendet werden. Für Trinkwasser, Kaffee, Tee, Nudeln, Suppen oder die Zubereitung von Speisen sollte derzeit besser abgefülltes Wasser verwendet werden.
Und wie lange dauert das?
Genau das kann momentan niemand seriös sagen. Die Wasserqualität wird regelmäßig kontrolliert. Erst wenn neue Messungen wieder Werte innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte zeigen, kann die Warnung aufgehoben werden.
Regen kann helfen. Wenn größere Mengen Niederschlag in den Boden gelangen, wird neues Süßwasser in den Aquifer eingetragen. Gleichzeitig sinkt nach Ende der Hauptsaison normalerweise der Wasserverbrauch. Beides kann dazu beitragen, dass die Salzkonzentration wieder zurückgeht. Allerdings ist damit das grundsätzliche Problem nicht gelöst. Denn ein über Jahrzehnte versalzener oder übernutzter Grundwasserkörper regeneriert sich nicht nach zwei Regentagen.
Und was ist eigentlich seit 2022 passiert?
Das ist politisch vermutlich der interessanteste Teil der Geschichte.
Das Wasserproblem im Süden Mallorcas ist den Behörden seit Jahren bekannt. Ende 2022 wurde deshalb zwischen der Balearenregierung und mehreren Gemeinden, darunter Campos, Ses Salines, Santanyí und Felanitx, eine Vereinbarung geschlossen. Der Plan klingt eigentlich logisch: Die Gemeinden sollen langfristig nicht mehr ausschließlich auf ihre eigenen, belasteten Grundwasserbrunnen angewiesen sein.
Dafür soll das überregionale Trinkwassernetz ausgebaut werden. Wasser aus anderen Versorgungssystemen Mallorcas soll über neue Leitungen unter anderem Richtung Campos und Ses Salines transportiert werden können. Damit hätte man mehrere Möglichkeiten, die Wasserversorgung zu mischen und die lokalen Brunnen zu entlasten. Das ist wichtig, denn genau darin liegt langfristig die Lösung: weniger Grundwasser aus dem überlasteten Aquifer pumpen.
Je weniger Wasser dort entnommen wird, desto eher kann sich der Grundwasserspiegel stabilisieren. Und je höher der Süßwasserdruck im Untergrund ist, desto schwerer hat es das Meerwasser, weiter landeinwärts vorzudringen.
Die Vereinbarung von 2022 läuft nach den veröffentlichten Unterlagen zunächst bis Ende 2026. Dass Campos im September 2026 trotzdem noch eine Trinkwasserwarnung aussprechen muss, zeigt allerdings ziemlich deutlich: Die strukturelle Lösung ist noch nicht dort angekommen, wo sie gebraucht wird.
Warum kann man das Salzwasser nicht einfach herauspumpen?
Auch das klingt zunächst logisch: Wenn Salzwasser im Boden ist, könnte man es doch einfach abpumpen. Leider funktioniert ein Aquifer nicht wie eine Badewanne.
Wenn man einfach noch mehr Wasser herauspumpt, sinkt der Grundwasserspiegel weiter. Dadurch könnte sogar noch mehr Meerwasser nachströmen. Genau das wäre kontraproduktiv. Die langfristige Strategie besteht deshalb eher darin, weniger Wasser zu entnehmen und gleichzeitig andere Trinkwasserquellen zu erschließen.
Mallorca verfügt unter anderem über Meerwasserentsalzungsanlagen. Dort wird Meerwasser technisch aufbereitet und Salz entfernt. Dieses Wasser kann anschließend ins öffentliche Versorgungssystem eingespeist werden. Der entscheidende Unterschied: Bei einer Entsalzungsanlage wird Meerwasser kontrolliert aus dem Meer genommen und technisch gereinigt. Beim Problem in Campos dringt das Meerwasser dagegen unkontrolliert in den natürlichen Grundwasserspeicher ein. Das klingt ähnlich, sind aber zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Warum betrifft das gerade den Süden Mallorcas so stark?
Campos, Ses Salines und Santanyí liegen in einer Region, die traditionell stark vom Grundwasser abhängig ist. Gleichzeitig hat sich die Nutzung dieser Gegend enorm verändert. Landwirtschaft benötigt Wasser, gleichzeitig sind neue Wohngebiete, Ferienhäuser, Hotels und touristische Infrastruktur hinzugekommen. Im Sommer steigt die Bevölkerung stark an.
Dazu kommen Pools, Gartenbewässerung und ein generell hoher Wasserverbrauch während der heißesten und trockensten Monate des Jahres. Der Wasserbedarf ist also genau dann am höchsten, wenn am wenigsten neues Grundwasser durch Regen entsteht. Das ist hydrogeologisch die denkbar ungünstigste Kombination.
Was hat das mit Tourismus zu tun?
Hier sollte man nicht in die einfache Falle geraten und sagen: „Die Touristen sind schuld." So simpel ist es nicht.
Aber der Tourismus ist selbstverständlich ein Teil der Gleichung. Mallorca hat im Sommer eine deutlich höhere tatsächliche Bevölkerung als im Winter. Diese Menschen duschen, trinken, waschen, essen, nutzen Hotels, Restaurants und Pools. Gleichzeitig benötigt die Landwirtschaft große Mengen Wasser und auch die dauerhaft auf Mallorca lebende Bevölkerung verbraucht natürlich Wasser.
Das eigentliche Problem ist deshalb weniger die Frage, wer schuld ist, sondern ob die Infrastruktur mit der Entwicklung der Insel Schritt gehalten hat. Und genau darüber lässt sich hervorragend diskutieren. Wenn seit Jahren bekannt ist, dass ein Grundwasserkörper übernutzt und zunehmend versalzen ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum eine Region wie Campos im Jahr 2026 immer noch so stark von diesen Brunnen abhängig ist.
Fazit: Unser Wasserproblem ist kein Problem von dieser Woche
Die aktuelle Trinkwasserwarnung wirkt plötzlich. Das Problem dahinter ist es nicht.
Unter Campos befindet sich ein Grundwassersystem, aus dem seit vielen Jahren große Mengen Wasser entnommen werden. Wird dauerhaft mehr Wasser abgepumpt, als durch Regen nachkommt, sinkt der Grundwasserspiegel. Dadurch kann Meerwasser aus Richtung Küste immer weiter in den Süßwasserspeicher eindringen. Das Grundwasser wird salziger.
Genau deshalb dürfen wir unser Leitungswasser momentan zwar zum Duschen und Waschen verwenden, aber nicht trinken oder zum Kochen benutzen.
Regen und sinkender Verbrauch nach dem Sommer können die aktuelle Situation entspannen. Langfristig braucht die Region jedoch eine andere Lösung: weniger Belastung des Grundwassers, eine bessere Vernetzung der öffentlichen Wasserversorgung und alternative Wasserquellen.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus der aktuellen Warnung: Campos hat nicht plötzlich ein Wasserproblem bekommen. Wir sehen gerade lediglich sehr deutlich ein Problem, das schon lange unter uns liegt.